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Rheinpfalzbericht vom 28. Februar 2014

Kultur
Habt ihr das Bild?
Reportage: Der Schweizer Schriftsteller Catalin Dorian Florescu lehrt Kaiserslauterer Schüler das Schreiben und das Leben
Von Markus Clauer
 
Lässt sich das Schreiben lernen? Die Berufsbildende Schule (BBS) II Wirtschaft und Soziales hat den Schweizer Buchpreisträger Catalin Dorian Florescu zu einer Schreibwerkstatt eingeladen. Wie war es?
„Habt ihr das Bild?“ Seine Lieblingsfrage. „Habt ihr das Bild?“ Wie der Geschmack einer Praline aussieht. Wie eine Oma mit Puppen spielt. Wie der Gelterswoog am Morgen riecht. Wie Bauerngesichter sich draußen an den Fenstern eines Bahnhofswartesaals die Nase platt drücken. Rumänien. Die Zeit, als noch Kutschen fuhren. Drinnen im Wartesaal bringt die Tochter des Gutsherren ein Kind auf der Welt. „Habt ihr das Bild?“Wie sich herausstellen wird, kehrt die Frage immer wieder bei Catalin Dorian Florescu, einem 46 Jahre alten Schweizer Autor aus Rumänien, der auf Deutsch schreibt. „Habt ihr das Bild?“. Er hebt dann oft die Hände. Er schaut dann in sich gekehrt. Jetzt auf die 22 angehenden Abiturienten der Kaiserslauterer Berufsbildenden Schule (BBS) II Wirtschaft und Soziales, die im Halbkreis vor ihm sitzen. Im Klassenzimmer. Die Augen: zu.
 
Sie alle haben eine Geschichte geschrieben. Alle Teilnehmer an einem Schreibwettbewerb. Jede und jeder hält eine Praline in der Hand. Niemand weiß, was gleich in den Mündern landen soll und wird. Und. Was. Das. Soll. Überhaupt. Ihr Lehrer ist auch nicht da.
 
Studiendirektor Wolfgang Ettmüller muss zeitgleich in einem anderen Saal unterrichten. Leider dieses Mal. Anderes. Fontane, „Effi Briest“. Dabei ist er auch hier präsent. Denn ohne ihn würde auch die Schreibwerkstatt, die mit einer Praline beginnt, kaum stattfinden. Der Deutschlehrer ist unter uns Nichtlateinern ihr lenkender Geist.
 
Vielleicht ist Ettmüller ein Pädagoge, den man auch gerne gehabt hätte. Zumindest hört bei ihm Literatur nicht bei Heinrich Böll auf, sondern eher nie. Seit 27 Jahren organisiert er zusammen mit der Volkshochschule und Morphy Burkhart, dem die Buchhandlung Blaue Blume gehört, dass seine Schüler in der BBS II Schriftsteller live kennenlernen. Dass eine Lesung im Zinkmuseum über die Bühne geht. Dass die Autoren bei einer eigenen Veranstaltung gefeiert werden wie Popstars. In der Kammgarn. Von der BBS II zieht sich dann an einem Mittwochmorgen eine Menschenschlange durch Kaiserslautern, als ob der FCK spielt. Seltsam eigentlich, dass man über die Westpfalz hinaus, zu früheren Gelegenheiten, nie davon gehört hat, dass Erich Loest, Robert Gernhardt, Walter Kempowski, Frank Goosen, Burkhard Spinnen oder Feridun Zaimoglu dagewesen sind. Dass Schriftstellerstars Pfälzer BBS-II-Schülern das Schreiben beibringen. Oder wie Catalin Dorian Florescu sogar das Leben.
 
Warum Florescu, frage ich Ettmüller. Er mailt später fünf Seiten Text ins Büro. Fazit: Florescu ist wie geschaffen für eine Schreibwerkstatt, in der es um das autobiografische Erzählen gehen soll. Sein Leben, was er fühlt und über die Welt denkt, wer er ist, ein Mann aus Europa, steht in Romanen wie „Der kurze Weg nach Hause“ oder „Zaira“, der von einer rumänischen Puppenspielerin erzählt, die nach New York auswandert und nach 40 Jahren zurückkehrt an den Ort, an dem ihre Jugendliebe noch immer lebt.
 
Florescu ist 1982 geflüchtet, mit den Eltern, aus Timisoara im Banat bis nach Zürich in der Schweiz, im Auto Marke Dacia, ein Buch hatte er dabei. Auf Rumänisch. Florescu musste Deutsch lernen. Seit 2001 ist Schreiben sein Beruf.
 
Er ist ein Schweizer Buchpreisträger mittlerweile, ein Anna-Seghers- und ein Eichendorff-Preisträger. „Heimatsehnsuchtsautor“ hat ihn ein Kritiker genannt, weil Florescu in seinen Büchern immer wieder in das Land seiner Kindheit zieht. „Jacob beschließt zu lieben“ heißt sein jüngster Roman, ein berührendes Familienepos, das durch Europa, die Geschichte und die Geschichten mäandert. Es handelt von Flucht und Verrat, Freundschaft, dem Rettenden der Liebe. Literatur, wärmend wie Kitsch, ohne es zu sein.
 
Er habe kein Rezept, wie man schreibt, sagt Catalin Dorian Florescu gleich zu Beginn der Schreibwerkstatt. Was er dann lehrt, ist etwas über das Leben. Dass nur schreiben könne, wer sich „reich“ mache „als Mensch“. Und dass auch das Leben sich dann lohne. Dass man Sorge tragen müsse dafür, wer man sei. „Junggge“ sagt er, Florescu, wenn er „Junge“ meint. So spricht er, mit Rumänen-Akzent und einer Ahnung des Donauschwabendeutsch, das seine Mutter redet. Es hat etwas Anheimelndes.
 
Florescu sagt, dass man Geschichten finde, in dem man lebe. Das sie nicht funktionieren, wenn man sich nicht in sie einfühle beim Schreiben. An den Erzählungen der Schüler interessiert ihn nicht, wie sie gebaut sind. Wie sie darauf gekommen sind, will er wissen. Mit wem sie darüber gesprochen haben. Ob es den Zug wirklich gibt, der in ihrer Erzählung wegfährt.
 
Er erzählt von dem blinden rumänischen Masseur, dem 30.000 Bücher gehören, aus denen er sich von seinen Patienten als Gegenleistung für seine Arbeit vorlesen lässt. Ein Freund habe ihm von ihm erzählt. „Hallo?!“, sagt Florescu. „Habt ihr das Bild?“. Sein Roman „Der blinde Masseur“, ein Mix zwischen Tatsachen und Vorstellungskraft jedenfalls, ist seit 2006 auf dem Markt. Der Mann starb kurze Zeit später.
 
Seit zwei Jahren, sagt Florescu, recherchiere er nun schon für sein neues Buch, das er in sechs Wochen anfangen wolle zu schreiben. Seine Stoffschirmmütze nimmt er nie ab. Er hinkt. Er läuft wie ein sehr alter Mann mit schwerem Hüftleiden. Aufstehen kann er nicht gut. In den Händen keine Spannkraft. Die Muskelkrankheit, die ihm zusetzt, bestimmt seit seiner Kindheit sein Leben. Vorhin im Übrigen auch wieder, als ich für ihn die Schweizer Pralinen austeilen musste, die jetzt bei geschlossenen Augen auf den Schülerzungen zergehen.
 
Fantasie sei ein Muskel, den man trainieren könne, sagt Florescu. Keine Frage, aus welcher Erfahrung sein Vergleich stammt. Alle sollen sich jetzt einmal auf die Bilder einlassen, die dabei bei ihnen entstehen, wenn die Schokolade schmilzt. Welche? Egal. Einige erzählen von Milch und Weiden, Kinowerbung, einer jungen Frau ist ihr Opa erschienen. Bis zuletzt trug er immer einen Kamm bei sich. Haare hatte er fast keine mehr. „Habt ihr das Bild?“, fragt Florescu. Schreiben sei wie „Kopfkino“, sagt er. Wer schreiben wolle, müsse mitfühlen, schauen, vorbehaltlos, Nähe zulassen, was schwierig sei. Wunder aber könnten an jeder Ecke geschehen.
 
Er ist nicht immer nur ausschließlich Schriftsteller gewesen. Studiert hat er Psychologie. Er hat mit Drogenkranken gearbeitet. Florescu ist Gestalttherapeut. Kein Wunder, dass er die Kaiserslauterer Nachwuchsliteraten mit kleinen Tricks zum Reden bringt. Er lässt sie erzählen von ihrer Angst, als sie nicht wussten, dass sie eine Praline in der Hand hielten. Die Farbe Blau sollen sie sich in Gedanken vorstellen und einen Lieblingsort imaginieren. Lieblingsmenschen sollen sie auftreten lassen. Dann wieder abblenden ins Blaue.
 
Er lässt einige der Schüler von ihrer Geschichte erzählen, die sie beim Schreibwettbewerb einreichen wollen. Storys von Heimat, Nähe und Ferne, die Florescu leise an ihre Urheber heranführt, oder mit seiner eigenen Geschichte verbindet. Er spinnt sie weiter zu einer Krimihandlung. Er kombiniert sie. Zum Beispiel wenn er die Omas und Opas zusammenbringt, die so häufig auftreten. Seltsam häufig. Als Lieblingsmenschen. Als die, von denen weg erzählt wird. Großmütter, die auf Hollywoodschaukeln sitzen und nicht über ihr Leben hinwegkommen. Omas, die shoppen. Opas, die eitel bleiben. Großmütter auf der Flucht aus Westpreußen.
 
Eine junge Frau erzählt, dass sie aus Kasachstan stammt und Sachsen vermisst. Und die Figur in ihrer Erzählung in gewisser Weise auch. Ein junger Kerl erklärt sich seine eigene Gefühlslage auf der Folie der Biografie seiner Eltern, die aus dem Kosovo geflohen sind. Jemand schildert die Flucht eines Palästinenserkindes. Viel Welt und Gewalt ist in den Geschichten der Schreibschüler mit Migrationshintergrund, leise Sehnsucht. Anders die meisten Geschichten der Deutschen, die vom Vermissen einer Freundin erzählen. Vom Chillen am Gelterswoog. Von der Ruhe des Kajakfahrers, der seinen Eltern davongefahren ist. Habt ihr das Bild?
 
Quelle
Ausgabe
Die Rheinpfalz - Ludwigshafener Rundschau - Nr. 50
Datum
Freitag, den 28. Februar 2014
Seite
07
 

Herzlichen Dank an Herrn Clauer und an die Rheinpfalz für die Gestattung der Veröffentlichung auf dieser Homepage.